Freitag, Mai 05, 2006

Mein guter alter Freund Brecht

Es gibt Situationen im Leben, in denen man Pokern muss. So zum Beispiel bei meiner Abiprüfung in Deutsch.
Nachdem die ganzen zwei Wochen der Osterferien für physik draufgegangen sind (und ich von tausend gelernten Formeln gerade mal dreieinhalb brauchte...), bin ich doch in etwas Zeitnot geraten: Ich hatte noch genau zwei Tage, um mir Psychologie wieder in Gedächtnis zu rufen, was aber kein großartiges Problem war. Etwas schwerer war dann schon, den Stoff aus zwei Jahren Leistungskurs Deutsch an einem einzigen Tag zu wiederholen!
Nur, um das mal kurz zu verdeutlichen: Ein LK hat fünf Stunden a 45 Minuten in der Woche. Macht also 225 Minuten in der Woche. Ein Jahr hat 52 Wochen. Davon müssen 12 Wochen, in denen wir Schulfrei haben, abgezogen werden. Bleiben also 40 Wochen. Grob geschätzt ziehe ich jetzt nochmals zwei Wochen ab wegen diverser Feiertage und krankheitsbedingter Unterrichtsausfälle, wobei mein Deutsch LK relativ selten ausfiel. Wären wir also bei 38 Wochen, die mit 2 multipliziert werden müssen, da genau diese zwei Jahre abiturrelevant sind. Also 76 mal 225 Minuten. Das macht also 17100 Minuten reinsten ungefilterten Deutschstoff, den ich innerhalb von etwa 8 Stunden, also 480 Minuten, in meinen Schädel hämmern musste. Ich glaube, wir sind uns da einig: Ist jetzt nicht SO viel Zeit...
Also, was macht man als lebensmüder Abiturient? Nur ein Thema lernen und hoffen, dass genau das drankommt. Wobei, wenn ich ehrlich bin: Auch wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich nicht mehr gelernt. Das hätte ich gar nicht gekonnt. Nicht, dass ich nichts davon rallen würde... Nein. Aber mein Deutschunterricht war… anders.
Ich fang mal ganz am Anfang an. Begonnen hat alles mit einem Kreuz. Und genau das hätte mich misstrauisch machen sollen, denn schon die Bibel lehrt uns: Das Kreuz ist das Ende. Man könnte also sagen, dass der Moment, in dem ich mein Kreuz auf meinem LK Wahlzettel hinter Deutsch machte, für mich der Anfang vom Ende war. Denn ähnlich wie in der aktuellen Politik ist das, was man wählt, nicht automatisch das, was man denkt, das man wählt…
Uns so wurde unser Deutsch LK übernommen von einem revoltierenden Jäger. Von einem Kaffee trinkenden Philosophen. Von einem Kartoffel erntenden Schokoladenproduzenten. Vom Woyzeck der gymnasialen Oberstufe. Von Günni B. (gesprochen: B Punkt! Damit soll die dramaturgische Endgültigkeit des deutschen Seins unterstrichen werden. Aber nichtsdestotrotz werden wohl wieder 95% aller Leser an dieser Stelle eine sexuelle Verknüpfung zum wortähnlichen G Punkt herstellen… Wobei hier vielleicht tatsächlich eine Parallele besteht zwischen der sexuellen Erregung einer Frau und der bösartigen, gewalttätigen Erregung, die Mr. B in Schülern auslösen kann.)
Ja, Mr. B. hielt nicht viel von Normalität. Und so kam es, dass wir in unserer Unterrichtszeit über 100%ige Schokolade, Agrarwirtschaft, Kaffee, Sklaverei, Gewalt, Oma Knuff und Kartoffeln redeten… aber nicht über Deutsch. Stattdessen bekamen wir unseren Unterrichtsstoff in grob geschätzt 1000 Zetteln mit nach Hause geschickt. Und jetzt seien wir mal ehrlich: Welcher Schüler liest 1000 Zettel durch???
Ich wiederum habe mich damit begnügt, Bertolt Brechts „Leben des Galilei“ genauer zu betrachten. Und das mit Erfolg, war doch die Abituraufgabe, eine Textstelle aus genau diesem Werk zu analysieren… Ja, manchmal hat man eben tatsächlich noch Glück im Leben. Von mehreren möglichen Abiturthemen kommt genau das dran, auf das ich mich vorbereitet habe. Wobei: War das tatsächlich Glück oder doch schon Schicksaal?
Wie dem auch sei: Brecht, der alte DJ der marxistischen Lehre, hat auf jeden Fall mein Abitur gerettet. Dafür bedanke ich mich bei ihm und verspreche, wie ein Wollhändler meine Ware nicht nur billig einzukaufen und teuer zu verkaufen, sondern mich auch dafür einzusetzen, dass der Handel mit meiner Ware auch ungehindert fortgeführt werden kann…
In dem Sinne werdet ihr bestimmt schon bald wieder von mir hören. Bis dann