Freitag, Mai 05, 2006

Keine Fotos, sondern Kunst

Ich habe jetzt seit vier Wochen keine richtige Schule mehr gehabt. Letzte Woche ist es mir sogar passiert, dass ich um halb 1 aufgewacht bin, nen Kumpel angerufen habe und ein freudiges "Guten Morgen" ins Telefon getönt habe. Woraufhin dann nur ein gereiztes "halt die klappe, ich habe gerade schon vier Stunden Schule hinter mir und muss gleich auch nochmal hin!" zurückkam.
Ja, ich hatte es tatsächlich vergessen: Andere Leute haben ja noch Unterricht. Während ich faul im Bett liege, müssen andere schon schufften... Ist das tatsächlich gerecht? Oder sollte ich aus Solidarität mein Leben ändern, 7 Uhr morgens aufstehen, eine halbe Stunde joggen, bevor es Frühstück gibt, freiwillig zur Schule fahren und mein frisch gebackenes Abiturientenwissen mit anderen teilen? Eine sehr interessante Frage, wie ich finde, über die ich dann auch noch drei Stunden im Bett liegend nachgedacht habe. Irgendwann um halb 4 kam ich dann zum Ergebnis: Ja, ich werde mein Leben ändern, weil alles andere ungerecht wäre...
Was sich seit dem getan hat? Einiges: Statt um halb 1 steh ich neuerdings punkt 12 auf und ich rufe auch niemanden mehr mittags an, der noch zur Schule geht. Das soll fürs erste reichen, denke ich...
Mittlerweile komme ich jedoch langsam zum Punkt, dass ich die Endgültigkeit hinter dem Ganzen begreife: Ich werde nie wieder Schule haben. Bis vor Kurzem noch fühlte sich das ganze wie Ferien an. Aber mittlerweile wird einem bewusst, dass es vielmehr als nur Ferien sind: Es ist das Ende, ein kompletter Neuanfang. Nichts wird jemals wieder so sein, wie es mal war. und wie immer, wenn etwas zuende geht, denkt man nochmal an alles zurück, was einem irgendwie in Erinnerung geblieben ist. Sei es nun in guter oder in schlechter Erinnerung. So erinnerte ich mich zum Beispiel an einen Rat, den uns Herr B. einmal gegeben hat: "Geht hinaus in die weite Welt und fotografiert!" Was ihr wissen müsst: Fotografieren ist ein Hobby von Herrn B. . Und wenn ich sage fotografieren, meine ich nicht, einfach draufzuhalten und abzudrücken. Nein, ich rede von der hohen Kunst der Fotografie, für die man das Auge des Außergewöhnlichen haben muss. Und Herr B. hat das Auge des Außergewöhnlichen. Und da sich das Außergewöhnliche seiner Meinung nach im Wesen des Alltäglichen versteckte, war einfach alles außergewöhnlich, solange er sagte, dass es das war. Was gleichermaßen bedeutete, dass etwas nicht außergewöhnlich war, wenn wir es als außergewöhnlich betrachteten. Dann war es generell entweder zu alltäglich und damit schon wieder trivial, oder es war so außergewöhnlich, dass es einfach nur noch außergewöhnlich der Außergewöhnlichkeit zu Liebe war und damit zum Selbstzweck verkam. Mit anderen Worten: fotografierte er etwas, war es Kunst. Fotografierten wir etwas, war es Müll. Aber da Kritik ja für gewöhnlich der beste Antrieb ist und ich gerade nichts besseres zu tun hatte, schnappte ich mir letztens meine Kamera, um Kunst zu erschaffen...

Hier das Ergebnis:

Bild 1:
Der Konsumhammer, mit dem ich eine direkte Verbindung zu meinem Deutschunterricht schaffe, da ich ihn dort schonmal vorgestellt habe. In der heutigen von selbstverliebten medialen Werten beeinflussten Gesellschaft spielt das gesprochene Wort eine immer geringer werdende Rolle. Unser täglicher Fernseh- und Videospielkonsum lässt uns auf Dauer verstummen, Handys und andere zur Kommunikation bestimmte Utensilien bewirken ein allmähliches Abflachen der Intimität unserer zwischenmenschlichen Beziehungen. Während der Duden zweifellos für die Sprachgewandtheit und Intellektualität des Menschen steht, deutet der Hammer die allmähliche Zerstörung dieser Werte durch zu hohen Konsum durch primär zur Freizeit bestimmte Errungenschaften der Wissenschaft an. Auch kann dem Werk ein gewisser Hang zur Ironie nicht abgesprochen werden, wird doch Kritik ausgeübt durch die CD, die selbst zu den Gegenständen, die kritisiert werden sollen, gehört. Der Wahl des Werkzeuges sollte ebenfalls besondere Beachtung geschenkt werden: Der Hammer, ein Gegenstand, welcher schon zu Zeiten zum Einsatz kam, als der Mensch noch als Neandertaler bezeichnet wurde. Somit wird vor einem Rückschritt auf der Leiter der menschlichen Evolution gewarnt!

Bild 2:
Die Vorderseite meines Subwoofers. Hier fällt direkt auf den ersten Blick auf, dass es um die Tiefsinnigkeit und Durchschaubarkeit des Menschen an sich geht. Allzu viele von uns verstecken sich innerhalb gesellschaftlicher Systeme hinter Masken, welche dem Zweck dienen, ihren eigentlichen Charakter zu verdecken. In der heutigen Zeit zählt nur noch Stärke, Schwächen müssen verdeckt werden, was ein allgemeines Abflachen unserer Persönlichkeit zufolge hat. Der Subwoofer an sich zeigt dem Menschen nun, wie er eigentlich sein müsste: Offen und darauf bedacht, seine Schwäche zu seiner Stärke zu machen, so wie der Subwoofer mitten in seiner starken Hülle ein Loch hat, durch dass man sein ganzes Innenleben betrachten kann (Offenheit!). Durch genau eben diese Schwäche sind aber erst die von dem Gerät erzeugten Bässe möglich (Mach deine schwäche zu deiner Stärke!).

Bild 3:
Ein Teil meiner Spielesammlung. Obwohl es sich um verschiedene Spiele handelt, sehen aufgrund des gewählten fotografierten Bildabschnitts alle Spiele gleich aus. Jedes Spiel hat also mindestens eine Gemeinsamkeit mit allen anderen Spielen. Das ist genau auf den Menschen zu übertragen: Egal, wie unterschiedlich wir auch sind: Im Kern sind wir alle gleich.

Bild 4:
Mein Laptop, auf dem meine Homepage zu sehen ist, bevor ich die Bilder hochgeladen habe. Dieses Foto hat fast schon eine barocke Aussage: Memento Mori, erinnere dich an den Tod. Alles ist vergänglich. Nicht die Zeit vergeht, sondern wir vergehen. Noch vor einer Woche hatte diese Seite keine Fotos, vor zwei Wochen existierte sie noch gar nicht. In ein paar Monaten ist sie vielleicht schon wieder gelöscht. So erinnere auch du dich stets daran: So wie diese Homepage sich entwickelt und vergeht, so entwickelst auch du dich ständig und wirst irgendwann vergehen. (Bei vielen älteren Menschen liegt zwischen dem Prozess der Entwicklung und des Vergehens auch noch das Eingehe. Schönheit und Größe sind eben wie alles andere im Leben auch nur Zerfallsprozesse. Herr B. war hierfür übrigens das lebende Beispiel…).

Bild 5:
Ein Rohling. Nicht mehr und nicht weniger. Möge er uns immer daran erinnern, dass auch wir einmal unbespielte Hüllen waren und permanent durch alles, was sich in unserer Umgebung abspielt, gezeichnet werden. Und so, wie der Mensch bestimmt, was er auf seine leere CD brennen wird, so bestimmt Gott, was auf den menschlichen Rohling während des Verlaufs seines Lebens gebrannt wird.

So. Das waren meine fünf Bilder. Meine Interpretationen sind natürlich nur meine persönliche Sicht auf die Dinge und keines Falls allgemeingültig. Ich habe erst die Fotos gemacht und mir dann überlegt, was ich damit ausdrücken will. Also, falls euch ne bessere Erklärung zu einem der Fotos einfällt, schreibt ruhig! Aber denkt immer dran: Die Komplexität der Bilder liegt in ihrer Einfachheit. Oder anderes gesagt: Ein Konsumhammer könnte auch einfach nur ein dummer Hammer mit einer bekritzelten CD sein. Also lasst euch nicht verarschen…
In diesem Sinne bis bald