Mittwoch, Mai 10, 2006

Die 08/15 Vin Diesel Actionfresse

Ich würde mich persönlich als einen sehr gesitteten Autofahrer bezeichnen. Im Idealfall wird sich an der Geschwindigkeit des vor mir fahrenden Wagens orientiert, ansonsten schöne 5 km/h über der Geschwindigkeitsbegrenzung gefahren. In Spielstraßen stehen Fußgänger und Fahrradfahrer für mich eindeutig an der Spitze der Dominanzstruktur, erst dann komme ich als Autofahrer. Und bei alten Leuten gilt generell, egal wo: Die haben Vorfahrt. Selbst, wenn eine Seniorin am Autobahnrand stehen würde, gäbe es keine Diskussion. Alter vor Karosserie. Punkt. Aus! Und erst, wenn ich ganz sicher bin, die Frau ist heile an der anderen Straßenseite angekommen, fahr ich ruhigen Gewissens weiter.
Doch ab und zu kommt der Geschwindigkeitstrieb in mir hoch, der sagt: „Ey, du! Schau dich mal um! Weißt du, was das ist, wo du gerade drinsitzt? Richtig, das ist kein Moped. Das ist auch kein Rasenmäher. Das ist ein Auto. Und weißt du auch, was man damit machen kann? Gasgeben, richtig. Bist ja ein ganz Schneller… Also, Fuß drauf, mein guter!“ Und ab und zu kommt es sogar vor, dass ich auf diesen Trieb höre, zum Beispiel wenn ich auf der Autobahn bin und kein anderes Auto vor mir ist.
Meistens aber muss ich diesen Trieb unterdrücken, so schwer mir das auch fällt. Warum? Ich bin ganz ehrlich: Aus Angst. Ich hätte Angst, irgendwen anderes Schaden zuzufügen, weil ich zu schnell oder zu brutal gefahren bin. So einfach.
Aber etwas zu unterdrücken bedeutet nun mal nicht, etwas zu überwinden. Und auch unterdrückte Triebe müssen befriedigt werden. Bedeutet: Ich bin ein Geschwindigkeitsfreak und genauso wie ein Drogensüchtiger seinen Stoff braucht, brauche ich Geschwindigkeit. Und wenn man auf der anderen Seite ein eher rücksichtsvoller Mensch ist, hilft nur eines: Ersatzbefriedigung. Und in meinem Falle ist die ganz schnell gefunden: Burnout!
Ja, ich oute mich. Ich bin Burnout Fan. Das ist noch ein richtiges Männerrennspiel. Nicht so ein „Ich lackiere und frisiere mein Auto beim Wagenfriseur Need for Heititei Speed“. Nein! Wenn Jack Bauer Spiele spielen würde, er würde Burnout spielen!
Hier geht es nur ums Gewinnen und ums Überleben, ohne Rücksicht auf Verluste. Auto vor mir? Zu langsam, weg damit! Geschwindigkeitsbegrenzung? Wenn’s für den Blitzer nicht mehr zu erfassen ist, ist’s gerade richtig! Die Dominanzstruktur der Spielstraße? Zeit für eine Revolution! Die Karre an die Macht! Und der gute alte Leitspruch Alter vor Karosserie wird etwas umgeändert in Alter auf Karosserie! Alle Aggressionen, die sich bei mir im realen Straßenverkehr aufgestaut haben, kann ich endlich ausleben. Oder was Freud sagen würde: Ich projiziere die Wut, die andere Autofahrer in mir auslösen, auf virtuelle Autofahrer.
Doch als ich letztens so vor der Playstation saß, kam mir ein Gedanke. Warum zeigt man eigentlich nie die Fahrer, die hinterm Steuer sitzen? Warum sieht es so aus, als würde mein Auto wie von Geisterhand gelenkt? Gut, natürlich: Wahrscheinlich denkt man sich besser in das Spielgeschehen hinein, wenn keine Person vorgegeben wird. Klar.
Aber ich glaube, da steckt noch was anderes dahinter. Wenn man eine Person in dem Spiel zeigen würde, müsste die einen Charakter haben. Und was für einen Charakter gibt man jemandem, der an illegalen Straßenrennen teilnimmt und andere Autofahrer wegrammt? Richtig, den Charakter eines typischen Autotuners, einer 08/15 Vin Diesel Actionfresse. Und da würde doch ein relativ großer Teil vom Spielspaß flöten gehen.
Ich will damit nicht sagen, dass alle Menschen, die Spaß daran haben, ihr Auto etwas zu tunen, 08/15 Vin Diesel Actionfressen sind. Aber auf einen auffällig großen Teil trifft das eben doch zu. Oder anders gesagt: Scheinbar hat sich in unserer modernen Gesellschaft eine evolutionäre Entwicklung vollzogen, die bewirkt hat, dass unser Gehirn nun eng mit unserem Auto verbunden ist. Legt jetzt jemand sein Auto tiefer, hat das unweigerliche Folgen auf seine Denkweise. Nicht nur das Auto, auch das Gehirn ist nun tiefer gelegt. (Heißt das eigentlich auch, dass wenn man seinen Wagen wäscht, von Gehirnwäsche sprechen kann?) Das Auto spielt nun die wichtigste Rolle im Leben dieser Menschen. Und das wollen sie alle anderen wissen lassen…
Ich saß vor kurzem ganz gemütlich auf der Terrasse eines kleinen Straßencafes. Doch plötzlich hatte ich so ein komisches Gefühl. Es war, als ob die Erde leicht beben würde. Ich schaute auf meine Cola. Erinnert ihr euch an die Szene von Jurassic Park, in der der T-Rex zum ersten Mal auftaucht? Ich befürchtete das Schlimmste… und tatsächlich. Vor der Ampel vor dem Cafe stand ein aufgemotztes, knallgrünes Auto. Hinterm Steuer erwartungsgemäß eine typische 08/15 Vin Diesel Actionfresse, fröhlich zu ein paar angewiderten Mädels, die am Tisch neben mir saßen, rübergrinsend und mit dem Gas spielend. Ich war fasziniert. In meinem Ohr nahmen die immer wieder auftretenden Geräusche des aufheulenden Motors die Gestalt von Wörtern an.
Brumm, brumm, brumm… Schaut her!
Brumm, brumm, brumm… Sehe ich nicht scheiße aus?
Brumm, brumm, brumm… Mein Leben ist armselig!
Brumm, brumm, brumm… Meine Freundin hat mich verlassen!
Brumm, brumm, brumm… Meine Mutter hat mir die Brust verwehrt!
Brumm, brumm, brumm… 2 cm…
Brumm, brumm, brumm… aufgerundet…
Brumm, brumm, brumm… Aber ich habe dieses Auto!
Brumm, brumm, brumm… Und es gehört nur mir!
Brumm, brumm, brumm… Und keiner wird es mir je wegnehmen!
Brumm, brumm, brumm… Seht nur, wie ich gleich davon rausche!
In diesem Moment schaltete sich die Ampel auf grün und der Kerl fuhr mit quietschenden Reifen davon. Und auch dieses Quietschen hatte für mich eine höhere Bedeutung, denn es stand für das Leid des Autos, welches zu sagen schien: „Bitte… erlöst mich!“
In solchen Momenten stell ich mir immer die Frage, ob nicht mal für solche Menschen eine Art Hilfsaktion durchgeführt werden kann, nach dem Motto: „Ein Herz für 08/15 Vin Diesel Actionfressen“. Denn der Hilferuf ist ja da, er wird von den meisten nur nicht erkannt.
Ich wiederum sehe in nicht allzu ferner Zukunft lachende Kinder durch den Zoo rennen und begeistert vor einem Käfig stehen, auf dem steht: „Hier lebt eines der letzten Exemplare der 08/15 Vin Diesel Actionfresse. Neben dem markanten Äußeren fällt er besonders dadurch auf, dass er ständig die Nähe zu seinem fahrbaren Unterschlupf sucht. Was um ihn herum passiert, nimmt er meistens nicht wahr. Auch kommuniziert er beinahe ausschließlich nur mit seinesgleichen. Viele Wörter des deutschen Sprachgebrauchs sind ihm gänzlich unbekannt. In seinem Leben zählt nur er selbst, seine Gruppe (falls vorhanden) und sein Vehikel. Dafür zeichnet er sich durch seine tadellosen handwerklichen Geschicke aus. Vorsicht: Leicht reizbar und bissig!“
Naja… Ich bleib mal lieber bei Burnout. In diesem Sinne bis dann.

In eigener Sache: Ich denke, es ist klar, dass der Text, wie alle anderen davor auch, einfach nur lustig sein soll und nicht ernst gemeint ist. Jedoch liegt mir an dieser Stelle eine Sache auf dem Herzen.
Ein Grundschulfreund von mir ist bei einem tragischen Motorradunfall ums Leben gekommen. An der Unglücksstelle wurde ein Kreuz aufgestellt. Vor kurzem standen mehrere Jugendliche davor und waren am diskutieren: „Er ist also mit 100 in die Kurve gegangen und hat dann die Kontrolle verloren?“ „Ja.“ „Man. Ich kenn welche, die die Kurve noch mit 200 geschafft hätten!“
Ich werde mich jetzt stark zurückhalten und das nicht weiter kommentieren. Aber eines sollte denke ich klar sein: Hier hört der Spaß auf!

Freitag, Mai 05, 2006

Keine Fotos, sondern Kunst

Ich habe jetzt seit vier Wochen keine richtige Schule mehr gehabt. Letzte Woche ist es mir sogar passiert, dass ich um halb 1 aufgewacht bin, nen Kumpel angerufen habe und ein freudiges "Guten Morgen" ins Telefon getönt habe. Woraufhin dann nur ein gereiztes "halt die klappe, ich habe gerade schon vier Stunden Schule hinter mir und muss gleich auch nochmal hin!" zurückkam.
Ja, ich hatte es tatsächlich vergessen: Andere Leute haben ja noch Unterricht. Während ich faul im Bett liege, müssen andere schon schufften... Ist das tatsächlich gerecht? Oder sollte ich aus Solidarität mein Leben ändern, 7 Uhr morgens aufstehen, eine halbe Stunde joggen, bevor es Frühstück gibt, freiwillig zur Schule fahren und mein frisch gebackenes Abiturientenwissen mit anderen teilen? Eine sehr interessante Frage, wie ich finde, über die ich dann auch noch drei Stunden im Bett liegend nachgedacht habe. Irgendwann um halb 4 kam ich dann zum Ergebnis: Ja, ich werde mein Leben ändern, weil alles andere ungerecht wäre...
Was sich seit dem getan hat? Einiges: Statt um halb 1 steh ich neuerdings punkt 12 auf und ich rufe auch niemanden mehr mittags an, der noch zur Schule geht. Das soll fürs erste reichen, denke ich...
Mittlerweile komme ich jedoch langsam zum Punkt, dass ich die Endgültigkeit hinter dem Ganzen begreife: Ich werde nie wieder Schule haben. Bis vor Kurzem noch fühlte sich das ganze wie Ferien an. Aber mittlerweile wird einem bewusst, dass es vielmehr als nur Ferien sind: Es ist das Ende, ein kompletter Neuanfang. Nichts wird jemals wieder so sein, wie es mal war. und wie immer, wenn etwas zuende geht, denkt man nochmal an alles zurück, was einem irgendwie in Erinnerung geblieben ist. Sei es nun in guter oder in schlechter Erinnerung. So erinnerte ich mich zum Beispiel an einen Rat, den uns Herr B. einmal gegeben hat: "Geht hinaus in die weite Welt und fotografiert!" Was ihr wissen müsst: Fotografieren ist ein Hobby von Herrn B. . Und wenn ich sage fotografieren, meine ich nicht, einfach draufzuhalten und abzudrücken. Nein, ich rede von der hohen Kunst der Fotografie, für die man das Auge des Außergewöhnlichen haben muss. Und Herr B. hat das Auge des Außergewöhnlichen. Und da sich das Außergewöhnliche seiner Meinung nach im Wesen des Alltäglichen versteckte, war einfach alles außergewöhnlich, solange er sagte, dass es das war. Was gleichermaßen bedeutete, dass etwas nicht außergewöhnlich war, wenn wir es als außergewöhnlich betrachteten. Dann war es generell entweder zu alltäglich und damit schon wieder trivial, oder es war so außergewöhnlich, dass es einfach nur noch außergewöhnlich der Außergewöhnlichkeit zu Liebe war und damit zum Selbstzweck verkam. Mit anderen Worten: fotografierte er etwas, war es Kunst. Fotografierten wir etwas, war es Müll. Aber da Kritik ja für gewöhnlich der beste Antrieb ist und ich gerade nichts besseres zu tun hatte, schnappte ich mir letztens meine Kamera, um Kunst zu erschaffen...

Hier das Ergebnis:

Bild 1:
Der Konsumhammer, mit dem ich eine direkte Verbindung zu meinem Deutschunterricht schaffe, da ich ihn dort schonmal vorgestellt habe. In der heutigen von selbstverliebten medialen Werten beeinflussten Gesellschaft spielt das gesprochene Wort eine immer geringer werdende Rolle. Unser täglicher Fernseh- und Videospielkonsum lässt uns auf Dauer verstummen, Handys und andere zur Kommunikation bestimmte Utensilien bewirken ein allmähliches Abflachen der Intimität unserer zwischenmenschlichen Beziehungen. Während der Duden zweifellos für die Sprachgewandtheit und Intellektualität des Menschen steht, deutet der Hammer die allmähliche Zerstörung dieser Werte durch zu hohen Konsum durch primär zur Freizeit bestimmte Errungenschaften der Wissenschaft an. Auch kann dem Werk ein gewisser Hang zur Ironie nicht abgesprochen werden, wird doch Kritik ausgeübt durch die CD, die selbst zu den Gegenständen, die kritisiert werden sollen, gehört. Der Wahl des Werkzeuges sollte ebenfalls besondere Beachtung geschenkt werden: Der Hammer, ein Gegenstand, welcher schon zu Zeiten zum Einsatz kam, als der Mensch noch als Neandertaler bezeichnet wurde. Somit wird vor einem Rückschritt auf der Leiter der menschlichen Evolution gewarnt!

Bild 2:
Die Vorderseite meines Subwoofers. Hier fällt direkt auf den ersten Blick auf, dass es um die Tiefsinnigkeit und Durchschaubarkeit des Menschen an sich geht. Allzu viele von uns verstecken sich innerhalb gesellschaftlicher Systeme hinter Masken, welche dem Zweck dienen, ihren eigentlichen Charakter zu verdecken. In der heutigen Zeit zählt nur noch Stärke, Schwächen müssen verdeckt werden, was ein allgemeines Abflachen unserer Persönlichkeit zufolge hat. Der Subwoofer an sich zeigt dem Menschen nun, wie er eigentlich sein müsste: Offen und darauf bedacht, seine Schwäche zu seiner Stärke zu machen, so wie der Subwoofer mitten in seiner starken Hülle ein Loch hat, durch dass man sein ganzes Innenleben betrachten kann (Offenheit!). Durch genau eben diese Schwäche sind aber erst die von dem Gerät erzeugten Bässe möglich (Mach deine schwäche zu deiner Stärke!).

Bild 3:
Ein Teil meiner Spielesammlung. Obwohl es sich um verschiedene Spiele handelt, sehen aufgrund des gewählten fotografierten Bildabschnitts alle Spiele gleich aus. Jedes Spiel hat also mindestens eine Gemeinsamkeit mit allen anderen Spielen. Das ist genau auf den Menschen zu übertragen: Egal, wie unterschiedlich wir auch sind: Im Kern sind wir alle gleich.

Bild 4:
Mein Laptop, auf dem meine Homepage zu sehen ist, bevor ich die Bilder hochgeladen habe. Dieses Foto hat fast schon eine barocke Aussage: Memento Mori, erinnere dich an den Tod. Alles ist vergänglich. Nicht die Zeit vergeht, sondern wir vergehen. Noch vor einer Woche hatte diese Seite keine Fotos, vor zwei Wochen existierte sie noch gar nicht. In ein paar Monaten ist sie vielleicht schon wieder gelöscht. So erinnere auch du dich stets daran: So wie diese Homepage sich entwickelt und vergeht, so entwickelst auch du dich ständig und wirst irgendwann vergehen. (Bei vielen älteren Menschen liegt zwischen dem Prozess der Entwicklung und des Vergehens auch noch das Eingehe. Schönheit und Größe sind eben wie alles andere im Leben auch nur Zerfallsprozesse. Herr B. war hierfür übrigens das lebende Beispiel…).

Bild 5:
Ein Rohling. Nicht mehr und nicht weniger. Möge er uns immer daran erinnern, dass auch wir einmal unbespielte Hüllen waren und permanent durch alles, was sich in unserer Umgebung abspielt, gezeichnet werden. Und so, wie der Mensch bestimmt, was er auf seine leere CD brennen wird, so bestimmt Gott, was auf den menschlichen Rohling während des Verlaufs seines Lebens gebrannt wird.

So. Das waren meine fünf Bilder. Meine Interpretationen sind natürlich nur meine persönliche Sicht auf die Dinge und keines Falls allgemeingültig. Ich habe erst die Fotos gemacht und mir dann überlegt, was ich damit ausdrücken will. Also, falls euch ne bessere Erklärung zu einem der Fotos einfällt, schreibt ruhig! Aber denkt immer dran: Die Komplexität der Bilder liegt in ihrer Einfachheit. Oder anderes gesagt: Ein Konsumhammer könnte auch einfach nur ein dummer Hammer mit einer bekritzelten CD sein. Also lasst euch nicht verarschen…
In diesem Sinne bis bald

Mein guter alter Freund Brecht

Es gibt Situationen im Leben, in denen man Pokern muss. So zum Beispiel bei meiner Abiprüfung in Deutsch.
Nachdem die ganzen zwei Wochen der Osterferien für physik draufgegangen sind (und ich von tausend gelernten Formeln gerade mal dreieinhalb brauchte...), bin ich doch in etwas Zeitnot geraten: Ich hatte noch genau zwei Tage, um mir Psychologie wieder in Gedächtnis zu rufen, was aber kein großartiges Problem war. Etwas schwerer war dann schon, den Stoff aus zwei Jahren Leistungskurs Deutsch an einem einzigen Tag zu wiederholen!
Nur, um das mal kurz zu verdeutlichen: Ein LK hat fünf Stunden a 45 Minuten in der Woche. Macht also 225 Minuten in der Woche. Ein Jahr hat 52 Wochen. Davon müssen 12 Wochen, in denen wir Schulfrei haben, abgezogen werden. Bleiben also 40 Wochen. Grob geschätzt ziehe ich jetzt nochmals zwei Wochen ab wegen diverser Feiertage und krankheitsbedingter Unterrichtsausfälle, wobei mein Deutsch LK relativ selten ausfiel. Wären wir also bei 38 Wochen, die mit 2 multipliziert werden müssen, da genau diese zwei Jahre abiturrelevant sind. Also 76 mal 225 Minuten. Das macht also 17100 Minuten reinsten ungefilterten Deutschstoff, den ich innerhalb von etwa 8 Stunden, also 480 Minuten, in meinen Schädel hämmern musste. Ich glaube, wir sind uns da einig: Ist jetzt nicht SO viel Zeit...
Also, was macht man als lebensmüder Abiturient? Nur ein Thema lernen und hoffen, dass genau das drankommt. Wobei, wenn ich ehrlich bin: Auch wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich nicht mehr gelernt. Das hätte ich gar nicht gekonnt. Nicht, dass ich nichts davon rallen würde... Nein. Aber mein Deutschunterricht war… anders.
Ich fang mal ganz am Anfang an. Begonnen hat alles mit einem Kreuz. Und genau das hätte mich misstrauisch machen sollen, denn schon die Bibel lehrt uns: Das Kreuz ist das Ende. Man könnte also sagen, dass der Moment, in dem ich mein Kreuz auf meinem LK Wahlzettel hinter Deutsch machte, für mich der Anfang vom Ende war. Denn ähnlich wie in der aktuellen Politik ist das, was man wählt, nicht automatisch das, was man denkt, das man wählt…
Uns so wurde unser Deutsch LK übernommen von einem revoltierenden Jäger. Von einem Kaffee trinkenden Philosophen. Von einem Kartoffel erntenden Schokoladenproduzenten. Vom Woyzeck der gymnasialen Oberstufe. Von Günni B. (gesprochen: B Punkt! Damit soll die dramaturgische Endgültigkeit des deutschen Seins unterstrichen werden. Aber nichtsdestotrotz werden wohl wieder 95% aller Leser an dieser Stelle eine sexuelle Verknüpfung zum wortähnlichen G Punkt herstellen… Wobei hier vielleicht tatsächlich eine Parallele besteht zwischen der sexuellen Erregung einer Frau und der bösartigen, gewalttätigen Erregung, die Mr. B in Schülern auslösen kann.)
Ja, Mr. B. hielt nicht viel von Normalität. Und so kam es, dass wir in unserer Unterrichtszeit über 100%ige Schokolade, Agrarwirtschaft, Kaffee, Sklaverei, Gewalt, Oma Knuff und Kartoffeln redeten… aber nicht über Deutsch. Stattdessen bekamen wir unseren Unterrichtsstoff in grob geschätzt 1000 Zetteln mit nach Hause geschickt. Und jetzt seien wir mal ehrlich: Welcher Schüler liest 1000 Zettel durch???
Ich wiederum habe mich damit begnügt, Bertolt Brechts „Leben des Galilei“ genauer zu betrachten. Und das mit Erfolg, war doch die Abituraufgabe, eine Textstelle aus genau diesem Werk zu analysieren… Ja, manchmal hat man eben tatsächlich noch Glück im Leben. Von mehreren möglichen Abiturthemen kommt genau das dran, auf das ich mich vorbereitet habe. Wobei: War das tatsächlich Glück oder doch schon Schicksaal?
Wie dem auch sei: Brecht, der alte DJ der marxistischen Lehre, hat auf jeden Fall mein Abitur gerettet. Dafür bedanke ich mich bei ihm und verspreche, wie ein Wollhändler meine Ware nicht nur billig einzukaufen und teuer zu verkaufen, sondern mich auch dafür einzusetzen, dass der Handel mit meiner Ware auch ungehindert fortgeführt werden kann…
In dem Sinne werdet ihr bestimmt schon bald wieder von mir hören. Bis dann

Mein erster Blog (nach meinem ersten Blog...)

Hallo. Das ist er also. Mein erster eigener Blog. (Wenn man meinen eigentlichen ersten Blog außer Acht lässt... Für alle neugierig gewordenen: www.gamepro.de/user/ian ) Und nicht nur das: Das ist auch das erste mal, dass ich etwas hier hineinschreibe. Toll. Solche Momente muss man im Leben genießen. Wieder eine weitere Änderung im Leben, in dem sich eh ständig alles ändert und am Ende dann doch irgendwie alles gleich bleibt. Wahrscheinlich ist dann aber auch genau das der Grund, warum wir so gerne irgend etwas zum ersten mal machen: Wir können darauf vertrauen, dass alles beim Alten bleibt, nur eben in variierter Form...ja, das erste Mal. Und ich wette, nur wegen dieses einen Satzes habe ich jetzt schon wieder 95% aller Leser dazu veranlasst, an Sex zu denken. Da frag ich mich warum? OK, Sigmund Freud hätte hier wahrscheinlich eine grandiose tiefenpsychologische Antwort parat, aber mal im Ernst: Wie ernst soll man einen Mann nehmen, der paranoide Schizophrenie mit verdrängten homosexuellen Impulsen begründet und einer seiner Patientinnen sagte, es handele sich bei den von ihr gehörten kamerageräuschen lediglich um das Klopfen ihrer Vagina? Also, warum denken bei dem Ausdruck "erstes Mal" beinahe alle an Sex? Es gibt so viele Tätigkeiten, die man zum ersten Mal machen kann: Das erste mal Autofahren, der erste Schultag, die erste Zigarette, der erste Kinobesuch, das erste Date, das erste Compuergame... Und die ganze Welt denkt nur an Sex. Außer vielleicht Amerika. (Wobei das jetzt irgendwie ein Widerspruch ist...) Die sind viel schlauer als wir. Während wir hierzulande meckern, wie schlecht es doch um unsere Geburtenrate steht ("Wir werden aussterben") und wir quasi darum angefleht werden, doch endlich mal aktiv zu werden, sprechen die Amis einfach nicht darüber. Also, wirklich so gar nicht. Resultat: Amerikanische Kids haben keine Ahnung von nix, probieren einfach mal aus und wundern sich, wo denn plötzlich das Baby herkommt. Tja, die Amis sind uns eben doch überlegen: Teenieschwangerschaft als Rettung der Menschheit... Und dann geht's mit der Schnullerarmee rüber in den Irak. Schlau, schlau...Und schon neigt sich mein erster Blogeintrag dem Ende zu. Und irgendwie schleicht sich da bei mir so ein Hauch von Melancholie ein: Denn alles, was wir zum ersten Mal machen, machen wir nur einmal zum ersten Mal. Alles, was danach kommt, ist Routine: Man kennt es, man macht es... und punkt. Und daher sollte man alles, was man zum ersten mal macht, besonders genießen, da man ja weiß, dass man es zum ersten Mal macht. Und genau das ist der Vorteil beim ersten Mal: Wir wissen, dass es das erste Mal ist. Eine Sache, die uns beim letzten Mal meistens verwehrt bleibt. Wäre das anders, wäre wohl nicht das erste Mal was besonderes, sondern das letzte Mal... Aber egal.
Ich würde diesen Augenblick des "Ich schreibe hier zum ersten Mal Moments" gerne noch weiter auskosten, aber leider kann ich nicht, da ich zu dem Zeitpunkt, als ich das hier geschrieben habe, am nächsten Tag meine Deutschabiprüfung hatte, sozusagen der letzte Teil der gymnasialen Tanz der Teufel Trilogie. Mein Fazit bis zu diesem Zeitpunkt sah so aus:
Der erste Teil: Sehr physikalisch angehaucht. Alles in allem meine Erwartungen erfüllt, großes Kino ist trotzdem anders. Audiovisueller Höhepunkt: Der dramatische Frequenzanstieg von 200 auf 2000 Hz, und das innerhalb von nur 30 Sekunden...
Der zweite Teil: das ganze war sehr psychologisch. Es gab Systeme, interdependenz, Emergenz, Verdrängungen, orale Phasen, Regression... Das bot solide Spannung, in der gestalterischen Ausführung aber eindeutig hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Schade eigentlich, hätte man mehr draus machen können. Hoffen wir nur, dass sich das nicht in Form einer mündlichen Nachrezension ausübt...
Tja... Und jetzt bin ich ja auf dem neuesten Stand, daher hier meine Rezension zum dritten Teil: Ein fantastisches Historiendrama mit vielen wissenschaftlichen Aspekten. Wird Galilei den Kampf mit der Kirche gewinnen? Und welche Rolle spielt die Atombombe? spannung von der ersten bis zur letzten Sekunde, dabei nie unüberschaubar. Erwartungen wurden nicht nur erfüllt, sondern sogaar übertroffen. Danke, Brecht.
Mehr dazu aber in meinem nächsten Eintrag... In diesem Sinne: Danke für's Glückwünschen bei meiner Deutschprüfung und bis dann...