Die 08/15 Vin Diesel Actionfresse
Doch ab und zu kommt der Geschwindigkeitstrieb in mir hoch, der sagt: „Ey, du! Schau dich mal um! Weißt du, was das ist, wo du gerade drinsitzt? Richtig, das ist kein Moped. Das ist auch kein Rasenmäher. Das ist ein Auto. Und weißt du auch, was man damit machen kann? Gasgeben, richtig. Bist ja ein ganz Schneller… Also, Fuß drauf, mein guter!“ Und ab und zu kommt es sogar vor, dass ich auf diesen Trieb höre, zum Beispiel wenn ich auf der Autobahn bin und kein anderes Auto vor mir ist.
Meistens aber muss ich diesen Trieb unterdrücken, so schwer mir das auch fällt. Warum? Ich bin ganz ehrlich: Aus Angst. Ich hätte Angst, irgendwen anderes Schaden zuzufügen, weil ich zu schnell oder zu brutal gefahren bin. So einfach.
Aber etwas zu unterdrücken bedeutet nun mal nicht, etwas zu überwinden. Und auch unterdrückte Triebe müssen befriedigt werden. Bedeutet: Ich bin ein Geschwindigkeitsfreak und genauso wie ein Drogensüchtiger seinen Stoff braucht, brauche ich Geschwindigkeit. Und wenn man auf der anderen Seite ein eher rücksichtsvoller Mensch ist, hilft nur eines: Ersatzbefriedigung. Und in meinem Falle ist die ganz schnell gefunden: Burnout!
Ja, ich oute mich. Ich bin Burnout Fan. Das ist noch ein richtiges Männerrennspiel. Nicht so ein „Ich lackiere und frisiere mein Auto beim Wagenfriseur Need for Heititei Speed“. Nein! Wenn Jack Bauer Spiele spielen würde, er würde Burnout spielen!
Hier geht es nur ums Gewinnen und ums Überleben, ohne Rücksicht auf Verluste. Auto vor mir? Zu langsam, weg damit! Geschwindigkeitsbegrenzung? Wenn’s für den Blitzer nicht mehr zu erfassen ist, ist’s gerade richtig! Die Dominanzstruktur der Spielstraße? Zeit für eine Revolution! Die Karre an die Macht! Und der gute alte Leitspruch Alter vor Karosserie wird etwas umgeändert in Alter auf Karosserie! Alle Aggressionen, die sich bei mir im realen Straßenverkehr aufgestaut haben, kann ich endlich ausleben. Oder was Freud sagen würde: Ich projiziere die Wut, die andere Autofahrer in mir auslösen, auf virtuelle Autofahrer.
Doch als ich letztens so vor der Playstation saß, kam mir ein Gedanke. Warum zeigt man eigentlich nie die Fahrer, die hinterm Steuer sitzen? Warum sieht es so aus, als würde mein Auto wie von Geisterhand gelenkt? Gut, natürlich: Wahrscheinlich denkt man sich besser in das Spielgeschehen hinein, wenn keine Person vorgegeben wird. Klar.
Aber ich glaube, da steckt noch was anderes dahinter. Wenn man eine Person in dem Spiel zeigen würde, müsste die einen Charakter haben. Und was für einen Charakter gibt man jemandem, der an illegalen Straßenrennen teilnimmt und andere Autofahrer wegrammt? Richtig, den Charakter eines typischen Autotuners, einer 08/15 Vin Diesel Actionfresse. Und da würde doch ein relativ großer Teil vom Spielspaß flöten gehen.
Ich will damit nicht sagen, dass alle Menschen, die Spaß daran haben, ihr Auto etwas zu tunen, 08/15 Vin Diesel Actionfressen sind. Aber auf einen auffällig großen Teil trifft das eben doch zu. Oder anders gesagt: Scheinbar hat sich in unserer modernen Gesellschaft eine evolutionäre Entwicklung vollzogen, die bewirkt hat, dass unser Gehirn nun eng mit unserem Auto verbunden ist. Legt jetzt jemand sein Auto tiefer, hat das unweigerliche Folgen auf seine Denkweise. Nicht nur das Auto, auch das Gehirn ist nun tiefer gelegt. (Heißt das eigentlich auch, dass wenn man seinen Wagen wäscht, von Gehirnwäsche sprechen kann?) Das Auto spielt nun die wichtigste Rolle im Leben dieser Menschen. Und das wollen sie alle anderen wissen lassen…
Ich saß vor kurzem ganz gemütlich auf der Terrasse eines kleinen Straßencafes. Doch plötzlich hatte ich so ein komisches Gefühl. Es war, als ob die Erde leicht beben würde. Ich schaute auf meine Cola. Erinnert ihr euch an die Szene von Jurassic Park, in der der T-Rex zum ersten Mal auftaucht? Ich befürchtete das Schlimmste… und tatsächlich. Vor der Ampel vor dem Cafe stand ein aufgemotztes, knallgrünes Auto. Hinterm Steuer erwartungsgemäß eine typische 08/15 Vin Diesel Actionfresse, fröhlich zu ein paar angewiderten Mädels, die am Tisch neben mir saßen, rübergrinsend und mit dem Gas spielend. Ich war fasziniert. In meinem Ohr nahmen die immer wieder auftretenden Geräusche des aufheulenden Motors die Gestalt von Wörtern an.
Brumm, brumm, brumm… Schaut her!
Brumm, brumm, brumm… Sehe ich nicht scheiße aus?
Brumm, brumm, brumm… Mein Leben ist armselig!
Brumm, brumm, brumm… Meine Freundin hat mich verlassen!
Brumm, brumm, brumm… Meine Mutter hat mir die Brust verwehrt!
Brumm, brumm, brumm… 2 cm…
Brumm, brumm, brumm… aufgerundet…
Brumm, brumm, brumm… Aber ich habe dieses Auto!
Brumm, brumm, brumm… Und es gehört nur mir!
Brumm, brumm, brumm… Und keiner wird es mir je wegnehmen!
Brumm, brumm, brumm… Seht nur, wie ich gleich davon rausche!
In diesem Moment schaltete sich die Ampel auf grün und der Kerl fuhr mit quietschenden Reifen davon. Und auch dieses Quietschen hatte für mich eine höhere Bedeutung, denn es stand für das Leid des Autos, welches zu sagen schien: „Bitte… erlöst mich!“
In solchen Momenten stell ich mir immer die Frage, ob nicht mal für solche Menschen eine Art Hilfsaktion durchgeführt werden kann, nach dem Motto: „Ein Herz für 08/15 Vin Diesel Actionfressen“. Denn der Hilferuf ist ja da, er wird von den meisten nur nicht erkannt.
Ich wiederum sehe in nicht allzu ferner Zukunft lachende Kinder durch den Zoo rennen und begeistert vor einem Käfig stehen, auf dem steht: „Hier lebt eines der letzten Exemplare der 08/15 Vin Diesel Actionfresse. Neben dem markanten Äußeren fällt er besonders dadurch auf, dass er ständig die Nähe zu seinem fahrbaren Unterschlupf sucht. Was um ihn herum passiert, nimmt er meistens nicht wahr. Auch kommuniziert er beinahe ausschließlich nur mit seinesgleichen. Viele Wörter des deutschen Sprachgebrauchs sind ihm gänzlich unbekannt. In seinem Leben zählt nur er selbst, seine Gruppe (falls vorhanden) und sein Vehikel. Dafür zeichnet er sich durch seine tadellosen handwerklichen Geschicke aus. Vorsicht: Leicht reizbar und bissig!“
Naja… Ich bleib mal lieber bei Burnout. In diesem Sinne bis dann.
In eigener Sache: Ich denke, es ist klar, dass der Text, wie alle anderen davor auch, einfach nur lustig sein soll und nicht ernst gemeint ist. Jedoch liegt mir an dieser Stelle eine Sache auf dem Herzen.
Ein Grundschulfreund von mir ist bei einem tragischen Motorradunfall ums Leben gekommen. An der Unglücksstelle wurde ein Kreuz aufgestellt. Vor kurzem standen mehrere Jugendliche davor und waren am diskutieren: „Er ist also mit 100 in die Kurve gegangen und hat dann die Kontrolle verloren?“ „Ja.“ „Man. Ich kenn welche, die die Kurve noch mit 200 geschafft hätten!“
Ich werde mich jetzt stark zurückhalten und das nicht weiter kommentieren. Aber eines sollte denke ich klar sein: Hier hört der Spaß auf!


Jedes Spiel hat also mindestens eine Gemeinsamkeit mit allen anderen Spielen. Das ist genau auf den Menschen zu übertragen: Egal, wie unterschiedlich wir auch sind: Im Kern sind wir alle gleich.

